Das menschliche Gedächtnis ist kein Speicher, auch wenn etliche Gedächtnismodelle und deren Bezeichnungen dies nahe legen, etwa die Begriffe Kurzzeitspeicher oder Langzeitspeicher. Im Grunde werden die im Gedächtnis abgelegte Inhalte kontinuierlich verändert und umorganisiert, so wie es die aktuellen Bedürfnisse und die Lebenssituation erwartet. Man muss daher davon ausgehen, dass alle Erinnerungen des Menschen eher Rekonstruktionen als Abrufe darstellen.

Die einzelnen Inhalte des Gedächtnisses sind darüber hinaus assoziativ miteinander verknüpft, was etwa dem schnellen Aufruf persönlich relevanter Informationen erlaubt, da diese in der Vergangenheit häufig verwendet wurden. Das bedeutet allerdings nicht, dass persönlich wichtig immer auch für die Lösung eines Problems relevant meint, vor allem nicht immer sachlich relevant.

Lernen und Erinnern hängen auch sehr stark von den Emotionen ab, die man im Augenblick des Lernens beziehungsweise des Abrufens gerade durchlebt. Emotional stark aufgeladene Inhalte fallen den Menschen daher schneller wieder ein, werden also häufiger gebraucht und dadurch nicht selten stärker verändert als Informationen, an die man sich nicht so oft erinnert.

Hinzu kommt die wichtige Funktion des Vergessens, denn diese ist vor allem für die Bildung von Abstraktionen bedeutsam und erlaubt es auch, neue Lösungen für Situationen, die einem irgendwann schon einmal begegnet sind, zu finden. Das gerade aktive Gedächtnis ist dabei so zwiespältig wie die geistige Sparsamkeit, da es Irrtümer erlaubt und man nicht zuverlässig unterscheiden kann, was man gerade rekonstruiert und was man erinnert. Das Vergessen führt zudem dazu, dass etwa die Vorstellung von Zeitabläufen nicht sehr präzise ist.

Bei jedem Aufruf einer Erinnerung findet wie beim Erfahren eine Form der Bahnung statt, sodass am leichtesten zugänglich ist, was man schon oft gedacht hat. Daher neigen Menschen dazu, eher das zu denken, was sie schon häufig dachten, was dazu führt, eher konservativ an neue Probleme heranzugehen.