Hören Sie hinein in die neueste Folge unseres Podcasts:
Empfehlen Sie unsere Podcasts weiter!Â
Ein Vibe-Learning-Prozess lässt sich aus psychologischer Sicht als ein Lernprozess beschreiben, in dem affektive, soziale und körperlich-situative „Schwingungen“ (Stimmungen, Atmosphären, emotionale Grundtönungen) zentral fĂĽr Aufmerksamkeit, Motivation und Bedeutungsbildung sind. Im Unterschied zu rein kognitivistisch verstandenen Modellen wird Lernen hier als zutiefst verkörperter (embodied), emotional eingebetteter und sozial situiertÂer Prozess gefasst, bei dem die „Vibes“ einer Situation – also wahrgenommene emotionale Qualitäten von Personen, Räumen, Medien und Interaktionen – die Verarbeitungstiefe, Gedächtniskodierung und Handlungsbereitschaft wesentlich modulieren.
Aus Perspektive der Embodied-Cognition-Ansätze verbinden sich dabei sensorische, motorische und affektive Signale mit semantischen Inhalten; emotionale Reaktionen fungieren als „Ruder“ der Kognition, indem sie Aufmerksamkeit lenken, Relevanz markieren und die spätere Reaktivierung von Wissen erleichtern (Immordino-Yang, 2015, zit. in Anderson, 2018).
Empirische Arbeiten zur affektiven Neurowissenschaft zeigen, dass Emotion und Motivation nicht nachgelagert zur „eigentlichen“ Kognition auftreten, sondern neuronale Netzwerke für Bewertung (Valenz), Annäherung/Vermeidung und soziale Bindung mit exekutiven Funktionen eng verschaltet sind, sodass die Qualität des emotionalen Feldes einer Lernsituation (z. B. Sicherheit vs. Bedrohung) direkt auf Arbeitsgedächtnis, kognitive Flexibilität und Selbstregulation wirkt.
In einem Vibe-Learning-Prozess rückt damit auch die soziale-emotionale Dimension stärker in den Vordergrund: Forschung zu Social and Emotional Learning (SEL) versteht Lernen explizit als Prozess, in dem Menschen Wissen, Fähigkeiten und Haltungen erwerben, um Emotionen wahrzunehmen, zu regulieren, gelingende Beziehungen aufzubauen und verantwortliche Entscheidungen zu treffen; günstige soziale-emotionale „Vibes“ – geprägt durch Zugehörigkeit, Vertrauen und erlebte Kompetenz – stehen in engem Zusammenhang mit besseren akademischen Leistungen, reduzierter emotionaler Belastung und höherer Beteiligung. Zentral sind hier psychologisch die drei Grundbedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit (Deci & Ryan, 2000, aufgegriffen in Anderson, 2018), die über die wahrgenommenen Vibes einer Lernumgebung (unterstützend vs. kontrollierend, wertschätzend vs. abwertend) erfüllt oder frustriert werden und die Richtung des Lernprozesses (Annäherung statt Rückzug) bestimmen.
Konzeptionen von Vibe-Learning im Bereich digitaler und KI-gestützter Bildung versuchen, diese affektive und situative Dimension explizit zu modellieren, indem Systeme die Stimmungslage, Frustrationstoleranz und Motivation von Lernenden erkennen und darauf adaptiv reagieren, etwa durch Variation von Schwierigkeit, Tempo, Darstellung und Rückmeldung, um einen Zustand optimaler Herausforderung („challenge without overwhelm“) und emotionaler Unterstützung aufrechtzuerhalten. Dabei werden multiple Repräsentationsformen (visuell, auditiv, kinästhetisch), kulturell anschlussfähige Beispiele und kontinuierliche Feedbackschleifen genutzt, um das subjektive Erleben von Stimmigkeit („dies passt zu mir, fühlt sich sicher und interessant an“) zu verstärken und so die intrinsische Motivation zu erhöhen.
Aus psychologischer Sicht spricht man hier von einer Integration kognitiver, motivationaler und emotionaler Regulation: Lernende kalibrieren ihr eigenes Erregungsniveau, ihre Erwartungen und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen fortlaufend an den situativen Vibes, während Lehrende bzw. Systeme über Gestaltung von Ritualen, Interaktionsformen und Symbolen eine „emotionale Architektur“ schaffen, die exploratives, fehlerfreundliches und sinnorientiertes Lernen begünstigt.
Ein weiteres Merkmal eines Vibe-Learning-Prozesses ist die Betonung von sinnstiftender, sozial geteilter Bedeutungsbildung: „kreative, verkörperte“ Lernsettings (z. B. Rollenspiele, tableaux vivants, performative Experimente) erzeugen dichte emotionale Erfahrungsqualitäten, die nachweislich zu tieferem Verständnis, besserer Behaltensleistung und transferierbaren „skilled intuitions“ führen, weil Wissen in ein Netzwerk aus Körperempfindungen, Affekten und sozialen Resonanzen eingebettet wird.
Insgesamt kann man Vibe-Learning aus psychologischer Sicht somit als Lernmodus charakterisieren, in dem
- (1) affektive und atmosphärische Qualitäten der Situation als zentrale Steuergrößen der Kognition verstanden werden,
- (2) Emotionen als integraler Bestandteil von Bedeutungsaufbau und Gedächtnis fungieren,
- (3) soziale-emotionale Prozesse und Zugehörigkeit als Grundlage von Motivation und Engagement gesehen werden und
- (4) adaptive, oft KI-gestützte Lernumgebungen versuchen, diese Vibes bewusst zu gestalten und zu nutzen, um personalisierte, sinnvolle und nachhaltige Lernprozesse zu ermöglichen.
Literatur
Anderson, R. C. (2018). Embodied metaphor, the affective brain, and meaningful learning. *Mind, Brain, and Education*, 12(2), 72–81.
Immordino-Yang, M. H. (2015). *Emotions, learning, and the brain: Exploring the educational implications of affective neuroscience*. W. W. Norton.
Taylor, K. (2024). Affective neuroscience and adult education. *New Directions for Adult and Continuing Education*, 2024(181), 45–60.
Ein sinnvoller Vibe-Learning Prozess besteht aus vier Schritten: Dem Vierklang fĂĽr Vibe Learning Sessions:
Es startet mit Ignition, also Begeisterung und Einstieg.
Als Nächstes kommt die Enablement-Phase. Es werden die Tools und der Rahmen geklärt.
Nun startet die aktive Exploration des Lernthemas. Die Teilnehmenden nutzen die Methoden und Ansätze ihrer Wahl, um sich in das Lernthema einzuarbeiten.
Am Abschluss steht das Harvesting, das gemeinsame Reflektieren und Teilen der Ergebnisse in der Gruppe. Dabei dĂĽrfen die Gruppen nicht zu groĂź sein, da sonst schnell die Aufmerksamkeit leidet.
Gerade das Harvesting ist ein entscheidender Faktor, der gerne vergessen wird. Durch den Austausch und die gemeinsame Reflexion wird das Thema nochmal vertieft und gefestigt. Dabei können sehr unterschiedliche Formate genutzt werden: Mindmaps, kurze Präsentationen, Songs oder Prototypen.
Ergänzend zu dem Vierklang sollte man über einen 5. Schnitt nachdenken: Next Steps / Vertiefung. Wie kann aus dem Lernprozess eine konkrete Aktivität entstehen, die in die Praxis umgesetzt wird? Die Können Lernzirkel, Arbeitskreise oder Projekte sein, in denen das Erlernte angewendet oder vertieft wird. So kann aus dem seichten Start doch noch ein tiefer Lernprozess werden.